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	<title>Prosa Archive - Textkaleidoskop</title>
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		<title>Mechanik der Zeit: Stille zwischen den Takten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Feb 2026 08:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich bin leiser geworden. Die Spannung, die einst mein Herz bewegte, löst sich mit den Jahren langsamer, und das Aufziehwerk ruht inzwischen länger, bevor es jemand wieder berührt. Zwischen meinem Pendel und dem Atem des Raumes hat sich eine Art Frieden eingestellt. Er ist nicht laut, nicht hell, sondern gedämpft, weich – wie Staub, der ... <a title="Mechanik der Zeit: Stille zwischen den Takten" class="read-more" href="https://textkaleidoskop.de/prosa/mechanik-der-zeit_2/" aria-label="Mehr Informationen über Mechanik der Zeit: Stille zwischen den Takten">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin leiser geworden. Die Spannung, die einst mein Herz bewegte, löst sich mit den Jahren langsamer, und das Aufziehwerk ruht inzwischen länger, bevor es jemand wieder berührt. Zwischen meinem Pendel und dem Atem des Raumes hat sich eine Art Frieden eingestellt. Er ist nicht laut, nicht hell, sondern gedämpft, weich – wie Staub, der im Sonnenlicht tanzt. Ich spüre, wie meine Feder sich mit jedem Tag ein Stück mehr entspannt, bis sie fast müde atmet.</p>
<p>Die Hand, die mich früher so oft aufgezogen hat, ist älter geworden. Sie spielt seltener, vorsichtiger. Das Holz unter mir trägt eine dünne Schicht Staub, wie ein feines Siegel über allen Geräuschen, die hier einmal gelebt haben. Manchmal legt sich dieser Staub auch über meine eigenen Schrauben, über das Gelenk meines Pendels, und mein Schlag wird schwerfälliger. Ich höre es zuerst. Kein Mensch bemerkt, wenn Präzision ermüdet. Aber ich spüre sie – in der winzigen Unregelmäßigkeit zwischen zwei Klicks, die kaum hörbar ist, aber den Raum verändert.</p>
<p>Das alte Klavier unter mir leidet anders: Es atmet zu viel. Luftfeuchtigkeit zieht in sein Holz, dehnt es, staucht es, verändert seinen Klang. Im Sommer klingt es heller, im Winter dunkler, müder. Ich weiß längst, dass wir denselben Kreisläufen folgen: Temperatur, Spannung, Wandlung. Manchmal, wenn der Regen an die Scheibe fällt, fühle ich mich verbunden mit den Tropfen. Jeder folgt seinem eigenen Takt, und keiner von ihnen ist ganz regelmäßig. Vielleicht ist auch das Leben so.</p>
<p>Ich erinnere mich an eine Zeit, als noch täglich Musik durch diesen Raum zog. Die Hände des Kindes waren noch unruhig damals, mit einem Hunger, der größer war als das Wissen. Heute spielt er nur noch selten, aber wenn, dann ist der Klang anders. Reifer, wehmütiger, manchmal fast schüchtern. Er spielt nicht mehr, um zu lernen – er spielt, um zu erinnern. Und ich, sein altes Metronom, begleite ihn, auch wenn ich nur noch selten zähle.</p>
<p>Wenn er mich aufzieht, geschieht es mit Respekt, fast mit Zärtlichkeit. Kein hastiger Griff, kein forderndes Tempo. Nur ein kurzer Moment, ein Aufatmen, und dann höre ich wieder mein eigenes Leben:<br />
  <em>Klack. Klack.</em><br />
  Der Schlag hallt gegen das Holz, wie ein Echo der Vergangenheit. Ich merke, dass mein Tempo sich verändert hat. Die Feder läuft nicht mehr so gleichmäßig, wie sie einmal konnte. Aber ich verliere nicht den Mut. Selbst in Unregelmäßigkeit gibt es Wahrheit.</p>
<p>Oft bleibt das Klavier tagelang geschlossen. Dann höre ich stattdessen die Welt um mich herum. Den Atem des Hauses, das ferne Dröhnen der Straße, das Knacken der Möbel im Rhythmus der Jahreszeiten. Ich zähle sie unbewusst mit. Alles in der Welt hat seinen Puls – man muss nur still genug sein, um ihn zu hören.</p>
<p>In dieser Stille verstehe ich, warum es mich gibt. Ich dachte lange, meine Aufgabe sei das Zählen, das Ordnen, das Mahnen. Doch vielleicht ist mein Zweck ein anderer: Ich erinnere den Menschen an die Pausen. An das, was zwischen den Schlägen geschieht. Weil genau dort das Leben wohnt – nicht im Klang, sondern in der Leere, die ihm folgt.</p>
<p>Wenn er spielt, sind es heute andere Klänge. Debussy. Fragil, wie Glas. Die Melodien fließen, als wollten sie sich meinem Takt entziehen, aber sie kehren doch zu mir zurück, leise, wie eine Welle an den Strand. Danach manchmal Jazz – ungezähmt, frei, aber doch vertraut. Früher wäre mir das chaotisch erschienen. Jetzt höre ich darin etwas Menschliches, etwas von Müdigkeit und Mut zugleich.</p>
<p>Ich erinnere mich an Schubert. Seine Musik war nie laut, nie aufdringlich. Sie war Erinnerung in Klangform – zart, flüchtig, ein Hauch von Melancholie, der sich in jede Saite legte. Wenn diese Töne den Raum füllten, glaubte ich zu spüren, wie selbst der Staub auf meinem Gehäuse stiller wurde. Schubert war die leise Seite der Zeit – das Vergehen, das niemand beklagt.</p>
<p>Und dann Brahms. Seine Melodien kommen seltener, doch sie hinterlassen mehr. Sie tragen Gewicht, eine Schwere, die mich an meinen eigenen Mechanismus erinnert. Seine Musik atmet Pathos und Geduld, als läge in jedem Ton eine Erkenntnis über das Altern. Wenn er Brahms spielt, schwanke ich leicht, als würde mein Pendel nicht nur den Takt, sondern das Herz schlagen hören wollen. In diesen Momenten begreife ich, dass auch ich Teil dieser Sehnsucht bin. Denn jeder Schlag – selbst meiner – misst letztlich nicht Zeit, sondern Verlangen.</p>
<p>Die Präzision vergeht. Ich weiß das. Zahnräder nutzen sich ab, Öl wird zäher, Stahl verliert Glanz. Aber vielleicht ist das nicht Verfall, sondern Wandlung. Perfektion ist ein Zustand der Jugend. Reife aber duldet das Unvollkommene, ja, sie braucht es. Ich erkenne, dass meine kleinen Abweichungen mehr über den Lauf der Zeit erzählen als alle exakten Schläge meines Anfangs. In jeder Unregelmäßigkeit klingt Leben.</p>
<p>Wenn der Tag zu Ende geht und das Licht durch das Fenster schwächer wird, sehe ich mein Spiegelbild in der Kappe meines Pendels, verzerrt und flüchtig. Ich bin älter geworden, wie alles hier. Und dennoch fühle ich mich auf merkwürdige Weise lebendig. Die Stille zwischen meinen Schlägen ist nicht leer – sie ist erfüllt von allem, was einmal war und wieder sein könnte.</p>
<p><em>Klack.</em><br />
  Nicht mehr als ein Atemzug.<br />
  <em>Klack.</em><br />
  Eine Erinnerung.<br />
  <em>Klack.</em><br />
  Ein Versprechen, dass selbst im Stillstand Bewegung bleibt.</p>
<p>Ich bin das Metronom. Ich zähle nicht mehr die Musik. Ich begleite das Leben – in Stille, zwischen den Takten.</p>
</section>
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		<title>Mechanik der Zeit: Der erste Schlag</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Jan 2026 08:30:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich erinnere mich an meinen ersten Atemzug – ein leises Knacken in der Feder, ein vorsichtiges Spannen der Kraft, die mich zum Leben erweckte. Die Hand, die mich aufzog, war klein und noch nicht sicher; sie roch nach Kreide und Neugier. In ihr lag Erwartung, und in mir erwachte etwas, das man vielleicht Bewusstsein nennen ... <a title="Mechanik der Zeit: Der erste Schlag" class="read-more" href="https://textkaleidoskop.de/prosa/mechanik-der-zeit_1/" aria-label="Mehr Informationen über Mechanik der Zeit: Der erste Schlag">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ich erinnere mich an meinen ersten Atemzug – ein leises Knacken in der Feder, ein vorsichtiges Spannen der Kraft, die mich zum Leben erweckte. Die Hand, die mich aufzog, war klein und noch nicht sicher; sie roch nach Kreide und Neugier. In ihr lag Erwartung, und in mir erwachte etwas, das man vielleicht Bewusstsein nennen könnte: das Wissen, dass jeder Widerstand im Aufziehen den Beginn von Bewegung bedeutet. Eine Spiralfeder, die sich spannt, ist wie ein Herz, das zu schlagen beginnt, während es noch nicht weiß, wofür.</p>
<p>Meine Zahnräder griffen ineinander, präzise und doch mit der Sanftheit von geteiltem Vertrauen. Der Anker hob und senkte sich über der Hemmung, als spräche Metall mit Metall in Flüstern. Der Pendelstab nahm das Gleichgewicht auf, sein Messinggewicht tastete sich langsam in den Rhythmus der Welt hinein. Aus der Ruhe wurde Ordnung, aus Ordnung Klang.<br />
<em>Klack.</em><br />
Mein erster Laut. Kein Wort, kein Befehl – nur Existenz. Ich fühlte den Widerhall über die Holzfläche des Klaviers, jenen uralten Körper aus Klang, der mich trug. Im weichen Halbdunkel des Raums mischte sich mein Klick mit dem Atem der Saiten, und für einen Augenblick glaubte ich, Zeit ließe sich anfassen.</p>
<p>Das Klavier unter mir war mehr als ein Instrument. Es war ein Gefäß aus Geschichte: Schichten aus Lack, Staub und Erinnerung. Wenn die Sonne über das Fenster fiel und das Licht über die Tasten wanderte, roch es nach Leim, nach Eisen, nach altem Holz, das atmet. Die Elfenbeintasten wirkten fast lebendig – stumpf gewordene Zähne einer Erinnerung, die nie mehr glänzen wollte. Ich stand dort, über Generationen hinweg gebautes Holz unter mir, und wusste: Was lebt, vergeht nach und nach. Nur mein Metall bleibt.</p>
<p>Dann kamen sie – die Finger. Kindliche, zaghafte Hände, die sich suchend über die Tasten legten. Die ersten Akkorde waren tastend, unvollkommen und dennoch seltsam rein. Tonleitern stolperten, Rhythmen brachen – und doch führte jeder meiner Schläge sie zurück in Balance. Ich war Zuchtmeister und Zuflucht zugleich. Der Schlag, den ich vorgab, zwang zum Hören, zum Atemholen, zum Anpassen. Ich war die Ordnung inmitten allen Lernens.</p>
<p>Manchmal hasste das Kind mich. Ich sah es im zitternden Finger, wenn der Takt zu streng wurde, in der Ungeduld der Pausen, die nicht enden wollten. Doch jedes Mal, wenn die Finger wieder suchend über die Tasten glitten, wusste ich: Aus dem Widerstand wächst Verständnis. So lehrte ich, ohne zu sprechen. Ich war der Atem, der den Ton begleitete, nie auffiel und doch unentbehrlich war.<br />
<em>Klack. Klack.</em><br />
Ich zählte den Mut, die Fehler, die Fortschritte. Ich wurde zum Gedächtnis dieser Versuche. Jede Übung hinterließ Spuren, nicht auf meinem Metall, sondern in meiner Wahrnehmung. So lernte ich Rhythmus nicht nur als Maß, sondern als Hingabe zu begreifen. Der Schlag wird erst dann wahrhaftig, wenn er mehr trägt als die Zahl, die ihn misst.</p>
<p>Beethoven war der Erste, den ich fühlte, noch bevor ich seinen Namen kannte. Wenn das Kind seine leisen Stücke aus den Schulheften spielte, lebte etwas in den Tönen, das mich erschütterte. Sie waren zu groß für diesen kleinen Raum, zu stürmisch für das weiche Holz. Ich konnte es in der Luft spüren, wie eine elektrische Spannung – Kraft, die sich gegen mich stemmte. Meine Aufgabe war Beständigkeit, seine war Aufbegehren. Jedes Mal, wenn meine Feder gleichmäßig schlug und die Musik dagegen anbrandete, spürte ich den Kampf zwischen Disziplin und Sehnsucht. Beethoven war Urgewalt: ein Körper, der gegen die eigene Form anschlägt, um größer zu werden als sie.</p>
<p>Ganz anders Bach. In ihm ruhte das Gleichmaß, das mir vertraut war. Wenn seine Musik erklang, fand ich mich wieder: Mathematik in Klang gegossen. Jede Fuge war ein Räderwerk, in sich verzahnt, präzise und unfehlbar. Bach verstand die Welt so, wie ich gebaut bin – aus Regelmäßigkeit, aus Wiederkehr. Doch selbst in dieser Strenge lag ein Puls, der fast göttlich wirkte. Als würde Perfektion sich selbst vergessen dürfen, um zu klingen.</p>
<p>Ich begriff, dass ich zwischen beiden existierte: zwischen Bachs Ordnung und Beethovens Aufbegehren.<br />
Ich war der stille Mittelweg – kein Schöpfer, kein Rebell, nur der, der beiden ein Maß gibt.</p>
<p>Mit der Zeit wurden die Schläge sicherer. Die Hände des Kindes wuchsen, das Spiel gewann Gewicht. Aber ich blieb derselbe. Ich musste derselbe bleiben – das war meine Rolle. Während draußen Jahreszeiten wechselten, blieb mein Takt &#8211; egal in welchem Tempo &#8211; das Einzige, das sich nicht veränderte. Ich spürte Sommerluft, die mich beschleunigte, und Wintertage, die mich bremsten. Die Wärme ließ die Feder leicht arbeiten, die Kälte machte mein Metall zäh. Und doch: nie verstummte ich vollständig.</p>
<p>Der Raum trägt meine Zeit. Seine Schatten wandern über die Tasten, wie Sekunden über Ziffern. Ich höre das Haus atmen, das Holz dehnt sich, das Eisen singt leise im Frost. In dieser Welt bin ich das ruhigste Geräusch – und doch das beharrlichste. Ich weiß, jede meiner Bewegungen ist endlich, jede Spannung vergeht; aber solange ich schwinge, ist die Welt geordnet.</p>
<p>Oft denke ich, meine Aufgabe sei das Messen. Doch in Wahrheit lehre ich das Lauschen. Der Mensch glaubt, ich zwinge ihn in Rhythmus, dabei helfe ich ihm nur, ihn zu finden. Ordnung ist kein Befehl — sie ist Erinnerung. Erinnerung daran, dass selbst Wiederholung bewegt.</p>
<p>Wenn das Kind aufhört zu spielen und Stille den Raum erfüllt, bleibe ich für einige Sekunden allein. Mein Pendel schwingt noch, leiser, immer leiser, bis es langsam zur Ruhe kommt. Es ist mein Atemzug vor dem Schweigen. Dann weiß ich: Auch das Ende hat seinen Takt.</p>
<p>Bach hätte diese Ruhe geliebt, Beethoven hätte sie zerschlagen. Ich halte sie aus.<br />
Denn in Wirklichkeit ist meine Bestimmung weder Laut noch Stille, sondern das Dazwischen.</p>
<p><em>Klack.</em><br />
Ein Schlag aus Messing und Geduld.<br />
<em>Klack.</em><br />
Ein Versuch, das Unsagbare zu zählen.</p>
<p>So begann mein Leben – in einfachen Teilen, die größer wurden als ihre Summe. Jeder Schlag, jede Bewegung ist seitdem der gleiche Versuch: die Zeit fassbar zu machen, während sie mich unaufhörlich verändert.</p>
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		<title>Mechanik der Zeit: Prolog &#8211; Vom Atem der Zeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Jan 2026 08:30:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich bin der Klang zwischen den Sekunden. Klack. So beginne ich. So begann alles. Ein Schlag, gleich nach dem Aufziehen, das erste Zucken meiner Feder, der erste kontrollierte Atemzug aus Messing und Geduld. Klack. Klack. Zwei Herzschläge lang Ruhe. Dann erwacht der Raum. Ich stehe auf einem alten Klavier, dessen Holz noch nach Jahrhunderten klingt. ... <a title="Mechanik der Zeit: Prolog &#8211; Vom Atem der Zeit" class="read-more" href="https://textkaleidoskop.de/prosa/mechanik-der-zeit_0/" aria-label="Mehr Informationen über Mechanik der Zeit: Prolog &#8211; Vom Atem der Zeit">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin der Klang zwischen den Sekunden.</p>
<p><em>Klack.</em><br />
So beginne ich. So begann alles.<br />
Ein Schlag, gleich nach dem Aufziehen, das erste Zucken meiner Feder, der erste kontrollierte Atemzug aus Messing und Geduld.<br />
<em>Klack. Klack.</em><br />
Zwei Herzschläge lang Ruhe. Dann erwacht der Raum.</p>
<p>Ich stehe auf einem alten Klavier, dessen Holz noch nach Jahrhunderten klingt. Unter mir riecht es nach Leim und Staub, nach kaltem Eisen und der stumpfen Würde von Elfenbein.<br />
Ich spüre, wie das Holz arbeitet — im Sommer dehnt es sich, im Winter zieht es sich zurück, als versuchte es, die Zeit selbst zu bändigen.<br />
Manchmal knackt eine Saite, manchmal atmet die Dunkelheit hinter den Tasten.<br />
Dann halte ich inne,<br />
<em>klack—</em><br />
als würde das Geräusch im Raum einen Moment zu lange verweilen, bevor die Welt weiterläuft.</p>
<p>Ich ordne Zeit. Oder versuche es.<br />
Die Menschen glauben, ich wäre ein Werkzeug. Ich aber sehe sie — Kinder, die mit unsicheren Fingern üben, Erwachsene, die vergessen haben, dass Musik aus Luft besteht, nicht aus Kontrolle.<br />
Sie ziehen mich auf, und ich beginne zu sprechen:<br />
<em>Klack. Klack. Klack.</em><br />
Manche fluchen, weil ich sie bremse. Andere klammern sich an mein Tempo wie an den letzten Rest von Ordnung.</p>
<p>Ich habe Beethoven gespürt, wenn der Schlag gegen mich arbeitete, als könne man Zeit bezwingen.<br />
Ich habe Bach verstanden, als meine Zahnräder den Takt einer Schöpfung wiederholten, die keine Fehler kennt.<br />
Und ich habe Lennon gelauscht, der aus einfachen Mustern ein Gefühl machte, das größer war als Maß und Zahl.<br />
<em>Klack.</em> Ein Universum in Bewegung. <em>Klack.</em> Und dazwischen: Leben.</p>
<p>Ich bin kein Zeuge der Ewigkeit — nur ihres Echos.<br />
Selbst meine Präzision hängt vom Atem der Welt ab: von Temperatur, Feuchtigkeit, der Müdigkeit meiner Feder.<br />
Wenn der Raum wärmer wird, laufe ich schneller. Wenn der Winter kommt, verharre ich träge im Rhythmus der Kälte.<br />
So bin ich – niemals vollkommen, aber immer wachsam.</p>
<p>Eines Tages werde ich stillstehen.<br />
Vielleicht auf einer ausgedörrten Taste aus Elfenbein, vielleicht in einer Schublade, irgendwo zwischen Schrauben und vergilbten Notenblättern.<br />
Bis dahin aber halte ich Wache.<br />
Ich zähle nicht die Zeit — ich erinnere sie.</p>
<p><em>Klack. Klack. Klack.</em></p>
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