Ich bin leiser geworden. Die Spannung, die einst mein Herz bewegte, löst sich mit den Jahren langsamer, und das Aufziehwerk ruht inzwischen länger, bevor es jemand wieder berührt. Zwischen meinem Pendel und dem Atem des Raumes hat sich eine Art Frieden eingestellt. Er ist nicht laut, nicht hell, sondern gedämpft, weich – wie Staub, der im Sonnenlicht tanzt. Ich spüre, wie meine Feder sich mit jedem Tag ein Stück mehr entspannt, bis sie fast müde atmet.
Die Hand, die mich früher so oft aufgezogen hat, ist älter geworden. Sie spielt seltener, vorsichtiger. Das Holz unter mir trägt eine dünne Schicht Staub, wie ein feines Siegel über allen Geräuschen, die hier einmal gelebt haben. Manchmal legt sich dieser Staub auch über meine eigenen Schrauben, über das Gelenk meines Pendels, und mein Schlag wird schwerfälliger. Ich höre es zuerst. Kein Mensch bemerkt, wenn Präzision ermüdet. Aber ich spüre sie – in der winzigen Unregelmäßigkeit zwischen zwei Klicks, die kaum hörbar ist, aber den Raum verändert.
Das alte Klavier unter mir leidet anders: Es atmet zu viel. Luftfeuchtigkeit zieht in sein Holz, dehnt es, staucht es, verändert seinen Klang. Im Sommer klingt es heller, im Winter dunkler, müder. Ich weiß längst, dass wir denselben Kreisläufen folgen: Temperatur, Spannung, Wandlung. Manchmal, wenn der Regen an die Scheibe fällt, fühle ich mich verbunden mit den Tropfen. Jeder folgt seinem eigenen Takt, und keiner von ihnen ist ganz regelmäßig. Vielleicht ist auch das Leben so.
Ich erinnere mich an eine Zeit, als noch täglich Musik durch diesen Raum zog. Die Hände des Kindes waren noch unruhig damals, mit einem Hunger, der größer war als das Wissen. Heute spielt er nur noch selten, aber wenn, dann ist der Klang anders. Reifer, wehmütiger, manchmal fast schüchtern. Er spielt nicht mehr, um zu lernen – er spielt, um zu erinnern. Und ich, sein altes Metronom, begleite ihn, auch wenn ich nur noch selten zähle.
Wenn er mich aufzieht, geschieht es mit Respekt, fast mit Zärtlichkeit. Kein hastiger Griff, kein forderndes Tempo. Nur ein kurzer Moment, ein Aufatmen, und dann höre ich wieder mein eigenes Leben:
Klack. Klack.
Der Schlag hallt gegen das Holz, wie ein Echo der Vergangenheit. Ich merke, dass mein Tempo sich verändert hat. Die Feder läuft nicht mehr so gleichmäßig, wie sie einmal konnte. Aber ich verliere nicht den Mut. Selbst in Unregelmäßigkeit gibt es Wahrheit.
Oft bleibt das Klavier tagelang geschlossen. Dann höre ich stattdessen die Welt um mich herum. Den Atem des Hauses, das ferne Dröhnen der Straße, das Knacken der Möbel im Rhythmus der Jahreszeiten. Ich zähle sie unbewusst mit. Alles in der Welt hat seinen Puls – man muss nur still genug sein, um ihn zu hören.
In dieser Stille verstehe ich, warum es mich gibt. Ich dachte lange, meine Aufgabe sei das Zählen, das Ordnen, das Mahnen. Doch vielleicht ist mein Zweck ein anderer: Ich erinnere den Menschen an die Pausen. An das, was zwischen den Schlägen geschieht. Weil genau dort das Leben wohnt – nicht im Klang, sondern in der Leere, die ihm folgt.
Wenn er spielt, sind es heute andere Klänge. Debussy. Fragil, wie Glas. Die Melodien fließen, als wollten sie sich meinem Takt entziehen, aber sie kehren doch zu mir zurück, leise, wie eine Welle an den Strand. Danach manchmal Jazz – ungezähmt, frei, aber doch vertraut. Früher wäre mir das chaotisch erschienen. Jetzt höre ich darin etwas Menschliches, etwas von Müdigkeit und Mut zugleich.
Ich erinnere mich an Schubert. Seine Musik war nie laut, nie aufdringlich. Sie war Erinnerung in Klangform – zart, flüchtig, ein Hauch von Melancholie, der sich in jede Saite legte. Wenn diese Töne den Raum füllten, glaubte ich zu spüren, wie selbst der Staub auf meinem Gehäuse stiller wurde. Schubert war die leise Seite der Zeit – das Vergehen, das niemand beklagt.
Und dann Brahms. Seine Melodien kommen seltener, doch sie hinterlassen mehr. Sie tragen Gewicht, eine Schwere, die mich an meinen eigenen Mechanismus erinnert. Seine Musik atmet Pathos und Geduld, als läge in jedem Ton eine Erkenntnis über das Altern. Wenn er Brahms spielt, schwanke ich leicht, als würde mein Pendel nicht nur den Takt, sondern das Herz schlagen hören wollen. In diesen Momenten begreife ich, dass auch ich Teil dieser Sehnsucht bin. Denn jeder Schlag – selbst meiner – misst letztlich nicht Zeit, sondern Verlangen.
Die Präzision vergeht. Ich weiß das. Zahnräder nutzen sich ab, Öl wird zäher, Stahl verliert Glanz. Aber vielleicht ist das nicht Verfall, sondern Wandlung. Perfektion ist ein Zustand der Jugend. Reife aber duldet das Unvollkommene, ja, sie braucht es. Ich erkenne, dass meine kleinen Abweichungen mehr über den Lauf der Zeit erzählen als alle exakten Schläge meines Anfangs. In jeder Unregelmäßigkeit klingt Leben.
Wenn der Tag zu Ende geht und das Licht durch das Fenster schwächer wird, sehe ich mein Spiegelbild in der Kappe meines Pendels, verzerrt und flüchtig. Ich bin älter geworden, wie alles hier. Und dennoch fühle ich mich auf merkwürdige Weise lebendig. Die Stille zwischen meinen Schlägen ist nicht leer – sie ist erfüllt von allem, was einmal war und wieder sein könnte.
Klack.
Nicht mehr als ein Atemzug.
Klack.
Eine Erinnerung.
Klack.
Ein Versprechen, dass selbst im Stillstand Bewegung bleibt.
Ich bin das Metronom. Ich zähle nicht mehr die Musik. Ich begleite das Leben – in Stille, zwischen den Takten.